Spiel des Lebens

Sophie stand völlig perplex am Bahnhof, und alles was sie dabei hatte war ein potthäßlicher, rosa Rucksack, den sie noch nicht einmal selbst gepackt hatte.

Sie wartete auf einen Zug, aber bis jetzt war noch gar kein Zug gefahren. Aber die Wartenden wurden auch nicht informiert, mittlerweile standen auch nur noch die Wenigsten auf dem windigen und kalten Bahnsteigen, die meisten vertrieben sich in dem kleinen Bahnhofsgebäude die Zeit und ließen ihr Geld bei dem Kiosk Heißer Kaffee, Zeitungen und verschiedenste Lebensmittel gingen über die Theke. Die meisten Bahnfahrer langweilten sich und wollten die Zeit sinnvoll – zum essen – nutzen.

Sophie wußte nicht wohin sie wollte, sie wußte bloß, dass das Ganze eine Schnapsidee gewesen war. Sie suchte in der Menschenmasse, nach einem Platz, um ihren Rucksack auszupacken und genauer zu untersuchen, schließlich konnte sie schlecht einfach in diesem kleinen Bahnhof sitzen bleiben, und hoffen, das irgend etwas geschah. Und, zu wissen was man mit sich herumschleppte, war mit Sicherheit nicht die schlechteste Idee.

In einem Baby-Wickelraum begann sie den Rucksack auszupacken, und ungeduldig wie sie war, kippte sie ihn einfach aus. Zuerst sah sie das rosa Zelt. Sie schluckte, so etwas häßliches hatte sie schon lange nicht mehr gesehen. Sophie stopfte das Zelt zusammen mit einem T-Shirt in derselben, gräßlichen Farbe zurück in die Tasche. Aber alles in dem Rucksack war rosa, Sophie schüttelte sich. Der Klapphocker, eine Handtasche mit allerlei  Krimskrams, der größtenteils nicht in eine Handtasche gehörte, ein unaufgepumpten Fußball, eine Waffe, die australische Ureinbewohner zu benutzen pflegten, ein mit rosa Zuckerguß überzogenes Brot, ein rosa Messer und einen Ipod. Aber weder Zettel, einen Brief, oder irgendwelche andere Hinweise. Auf was hatte sie sich bloß eingelassen?

Heute morgen hatte sie sich verpflichtet, alle persönlichen Gegenstände, Geld, ihr Handy, eigentlich alles, bis auf ihre Kleidung, in das Schließfach zu sperren. Was hätte sie jetzt für ein paar Euro gegeben, was für einen heißen Kaffee. Der Geruch des heißen Getränks kitzelte sie schon seit geraumer Zeit in der Nase, und sehnsüchtig dachte Sophie an schwarzen Kaffee, Milchkaffee und heißen Kakao, während sie durch den Bahnhof schlenderte.

Ein Kind rempelte sie an, sie wollte den Kleinen gerade anmotzen, als sie bemerkte, dass dieser, aufgrund seiner Ohrstöpsel, sie eh nicht hören würde und besann sich statt dessen des Ipods, den sie in der Handtasche gefunden hatte. Musik hören wäre ja immerhin eine Möglichkeit des Zeitvertreibs.

Doch auf dem Ipod war keine Musik, alles was sie hörte waren Anweisungen. Endlich hatte sie wieder ein Ziel. Nach Süden wollte sie, und da, sie hörte schon den Zug nahen, rannte mitsamt der Menschenmenge, die drängte und schuppste, auf den Bahnsteig, an dem gerade ein Güterzug gemächlich entlang rollte. Die Laune aller sank in Nähe der Lufttemperatur, doch Sophie sah den Zug, der Richtung Süden fuhr, und sprang auf. Mit den vor Kälte starren Fingern klammerte sie sich an den Waggon, kletterte unter größter Anstrengung schließlich hinein, und landete auf Kohle.

Eingehüllt in Rosa, in Zelt, Handtuch und T-Shirt, saß sie auf dem nur wackligen Klapphocker, als der Zug schließlich hielt – und das sogar in der richtigen Stadt. Bis morgen Abend hatte Sophie Zeit, die erste Aufgabe zu erfüllen, sie hatte aufgegeben den Sinn zu suchen. Denn worin war der Sinn sich nachts in einem Kaufhaus einschließen zu lassen, dort alles Rosafarbene zu verstecken und sich schließlich nachts auf dem Dach von einem Hubschrauber abholen zu lassen?!?

Es dämmerte schon, als Sophie den Kaufhof betrat. Noch zwei Stunden bis zum Ladenschluß, noch zwei Stunden um sich ein geeignetes Versteck zu suchen, noch zwei Stunden Zeit um durch den Laden zu Streifen und sich mit den Örtlichkeiten vertraut zu machen.

Sophie lag unter einer Unmenge von Jacken, in dem großen dunklen Kaufhaus. Schnell krabbelte sie unter den Kleidungsstücken hervor und begann ihre lächerliche Mission zu beenden. Im Damenklo ließ sie Zahnpasta und Zahnbürste liegen, den weiteren Krimskrams verlor sie mitsamt der Handtasche irgendwo zwischen den Mänteln. Als sie das Brot  zwischen irgendwelche Jeans stopfen wollte, fühlte sie sich beobachtet, und als sie dann noch die dunkle Gestalt sah, die die Rolltreppen hinauf schlich, brach sie in Panik aus. Sie schleuderte Messer, Fußball, Bumerang und Schraubenzieher in Richtung Rolltreppe und lief dann so schnell sie konnte auf den Notausgang zu. Sie hörte nun hinter  sich keine Schritte mehr.

Bald war sie auf dem Dach, sah den Hubschrauber, war eingestiegen und im Dunkel der Nacht verschwunden. Doch der zweite Hubschrauber war ihr nicht aufgefallen.

 

Völlig abgehetzt kam Sophie zu Hause an. Es war unrealistisch und doch hatte sie sich diesmal nicht geirrt, diesmal hatte sie ohne Joystick, Tastatur und Maus gespielt.

Spielwelten und Realität vermischten sich in ihrem Denken, und doch - wie viel einfacher war es doch Personen durch Mausklicke zu steuern, als gegen reale Personen anzutreten, die selbstständig dachten und handelten und somit unberechenbar waren.

Auf dem Küchentisch lag neben Werbung für verschiedene PC-Spiele auch die Sophie allzugut bekannte Anzeige:

 „Lasse das Spiel Wirklichkeit werden. Melde dich jetzt an. Zum Spiel des Lebens. - Und erhalte 50 Euro“

6.11.07 21:13
 


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bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Sophia / Website (7.11.07 00:59)
Oh, das ist cool. Die Idee gefällt mir und es erinnert mich ein wenig an "Level 4: Die Stadt der Kinder"-falls du es noch nicht gelesen hast, solltest du es tun, auch wenn es sich um ein Kinderbuch handelt.

Unsere Englischlektüre ist da nicht so toll ^^ The Tortilla Curtain.

Und ich werde morgen nicht hingehen, ich mag nicht unterpunkten weil ich krank bin...


silverbird / Website (10.11.07 02:10)
Hey ließt sich toll bis jetzt - und verlangt nach Fortsetzung :-)

btw Die Stadt der Kinder hab ich gelesen - fand´s schon faszinierend aber irgendwie ist es unlogisch...


Sophia / Website (13.11.07 22:12)
Was-die Stadt der Kinder?
Ich hab das irgendwann mit 13 oder so gelesen, damals fand ich es total cool ^^
Aber ich mag es ja immer, wenn in Büchern unerklärliche Dinge passieren... wieso ist es unlogisch?

Jaaa, Schnee... <3
So betrachtet, wie du das geschrieben hast, war es auch nicht der erste Schnee-der erste Schnee, der bei uns gefallen ist, ist auch direkt bei Aufprall geschmolzen. Das war jetzt der erste Schnee, der ein paar Stunden gehalten hat. Leider ist er auch schon wieder weg, aber es kommt bestimmt bald wieder welcher

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